6. Sept. bis 17.Okt. 1997

"Synagoga" oder die korrigierte Wahrheit

René Blättermann stellte zum Gedenken an die Einweihung des jüdischen Gotteshauses in Boppard aus.

Bild: Chanukka © René Blättermann Vernissage Bild: Synagoga Strasbourg © René Blättermann


BOPPARD. "Es ist der Ort, nicht der Raum, der an die Synagoge zu erinnern vermag", so Robert Holz am 130. Jahrestag der Einweihung des früheren jüdischen Gotteshauses. Zum denkwürdigen Ereignis präsentierte der Augenoptikermeister in der heutigen "opti art Galerie" die Bilderserie "Synagoga" von René Blättermann.

Denkwürdige Geschichte wird in nicht-denkmalwürdigen Räumen lebendig: Für den Geschmack der Denkmalpfleger hatte das Haus in der Bingergasse 35 in den vergangenen Jahrzehnten zu viel bauliche Veränderungen erfahren, um als schutzwürdig zu gelten. Für Robert Holz dokumentieren diese Veränderungen ebenfalls Geschichte. Sie spiegeln den unreflektierten Umgang mit jüdischem Kulturgut, sogar noch in den 50er Jahren. So erinnert die "opti art Galerie", in der kombinierte Kunst- und Brillenausstellungen stattfinden, an die Vergangenheit, ohne selbst noch Synagoge zu sein.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung", griff Landrat Fleck ein Wort Richard von Weizsäckers auf. Robert Holz habe mit seiner "opti art Galerie" der Öffentlichkeit die Augen geöffnet sagte der Schirmherr der Veranstaltung und spannte damit den Bogen zu René Blättermann.

Aufklärerisches Wirken durch die Kunst wird auch dem Mann aus Bad Kreuznach attestiert. In seinem Hebräerzyklus begibt er sich auf Spurensuche in der jüdischen Kultur - die Serie "Synagoga" beschreibt hingegen die Irrwege einer Kultur, die ihre Wurzeln bekämpft. Im Mittelalter zerbrach die ursprüngliche Eintracht zwischen jüdischer Gemeinschaft und frühchristlicher Gemeinde, zwischen "Synagoga" und "Ecclesia". Beide Worte bezeichnen eine Versammlung als Kristallisationspunkt der Gemeinde und drücken dennoch eine Abgrenzung der Religionen aus, die zunehmend feindselig interpretiert wurde. Augenscheinlich wird dies an der allegorischen Darstellung der "Synagoga", wie Blättermann sie an Kirchenportalen in Straßburg, Trier und Worms vorfand: Mit verbundenen Augen und gefallener Krone wird die Frauengestalt ihrem triumphierenden Pendant gegenübergestellt. Synagoga hat die Macht an Ecclesia abgegeben - die Kirche ist anstelle des Judentums in die Offenbarungsverantwortung getreten.

Blättermann bearbeitet die Fotovorlage in einem recht aufwendigen Verfahren. 20 Arbeitsschritte dienen einer Verfremdung, die dem kulturhistorischen Zerrbild entgegentritt. In der graphischen Bearbeitung erhält Synagoga ihre Würde zurück. Mit dem Pinsel korrigiert lautet die historische Wahrheit: "Ohne Synagoga ist Ecclesia nicht denkbar."

Ingo Lips Rhein Zeitung