25. Juni bis 19. August 1995
Kultursommer "Nachbar Amerika"

Mario Tapia

Lateinamerikanische Ausstellung
unter dem Motto des Kultursommers "Nachbar Amerika"

BOPPARD. Berge öffnen den fruchtbaren Schoß, die Dinge tanzen - ein Kuß beseelt die Welt. Natur und Erdenbewohner sind noch eins in Mario Tapias bunten Bilderreigen.
Mit fast enzyklopädischer Exaktheit läßt der chilenische Maler ein Panorama der Sehnsüchte, Mythen und Märchen der Neuen Welt entstehen. Das andere Amerika - auch ein, wenn auch oft gering geschätzter Nachbar - ist auf der Suche nach seiner eigenen Geschichte, seiner Identität. Die zu greifen sichern zwei Kunstgriffe. Einmal findet Tapia Ursprüngliches in der Natur bewahrt:

Tukane, jene riesenschnäbligen Papageien, bevölkern seine paradiesischen und in Farben schwelgenden Tropenwald zusammen mit den aus den alten mittelamerikanischen Kulturen bekannten Symbol-Tieren, den Jaguaren. Dann beschwört der Maler die zerstörten, zermalmten und von der Kirche mit dem Bann belegten alten Zivilisationen der eurozentrisch "Neue" benannten Welt. Bewahrt haben sich deren Traditionen im Bewußtsein der Indios und in der Natur. So schließt sich der magische Kreis. selbst Kreuz und Kirche weisen zurück auf die alten Götter, zehren von deren Macht.
Die Anderen seufzen, versteinerte Zeugen des Geschehens. Kaltblau strahlt das Nachtgestirn in der "Noche andina". Eine Seele verläßt himmelwärts die irdische Behausung. Das Kirchlein mutiert zum Opfertempel. Ein dorf in den Bergen verschläft in aller Unschuld drohendes Unheil, ist eins mit sich. Allein die Kettenhunde schlagen an.

In aller Behutsamkeit bringt Tapia so Widersprüchliches der langen lateinamerikanischen Geschichte von der Conquista in Bild. Zeit zum Entschlüsseln gehört dazu.

     

Tapia stammt aus Südchile, studierte Bildhauerei und Kunstgeschichte weit im Norden des Landes, in Antofagasta, wohnte und arbeitete über Jahre in der Hauptstadt Santiago. Seit 1970 leben der Künstler und seine Familie in Norditalien.
Staunen übers Fremde ist Tapia nicht fremd. In dieser Sehweise erinnern seine Bilder vom Mythos Lateinamerikas an frühe Darstellungen der gerade von Kolumbus entdeckten Neuen Welt. Die Kupferstecher von damals bevölkerten ihre Territorien der Phantasie mit wundersamen Fabelwesen, konnten ins Bild frei fabulieren. Dem Chilenen Tapia gelingt das auch. Dabei wahrt er verwunderte Distanz. Seine Farben feiern ein Fest - intensiv, grell und schockierend wie der Karneval in den "Favelas". Das Bild buchstabiert Szene um Szene Größe, Glanz und Elend des Kontinentes: eine lateinamerikanische Enzyklopädie.

Ernst-Peter Strauch Rhein Zeitung

Siebdruck: Auflage 400

57 cm x 40 cm

80,- €