Rhein-Hunsrück-Zeitung: Ausgabe J vom 13.03.01

Von Brecht bis Dada

Kabarettist Ernst Heimes in der Alten Synagoge

In der Alten Synagoge gab Kabarettist Ernst Heimes ein Gastspiel. Zwei Stunden lang bot der Moselaner ein abwechslungsreiches Programm, dessen Bandbreite von Tiefsinn bis zu geistreichem Unsinn reichte.
Eine Homage auf Bert Brecht, in bester Biermann-Tradition verfasst und mit aggressiv anmutender Akkordik den rauen Gesang auf der Gitarre begleitend, gab Heimes in kämpferischer Attitüde. Wie Kurt Schwitters operierte der Tausendsassa mit literarischen Collagen, die er unter dem Motto "Gedanken am Leben entlang" plakatweise auf einer Wäscheleine aufreihte. Überhaupt lag der Schwerpunkt des Kleinkunst-Abends auf dem Experimentieren mit Sprache, vor allem in der Verdrängung semantischen Wortsinns zugunsten surreal grotesker, dadaistisch beeinflusster Lautbildungen und klanglicher Assoziationen ā la Ernst Jandl. Man muss diesen Kraftkerl Heimes live erlebt haben, denn erst im eigenen gestisch und mimisch unterstützten Wortvortrag entfaltet er seine "umwerfende" Wirkung. Wenn der Kabarettist seinen spielerisch-pointierten Umgang mit Sprache in jähem Registerwechsel zu bedeutungsschwerem Wortsinn umfunktionierte, etwa im Gedenken an KZ-Opfer des Außenlagers Cochem, dann trug er seinen Vornamen "Ernst" in der Tat. Aber wenn er spitzbübisch Alltagsgeschichten aus seiner Heimat im Moselländer-Dialekt erzählte, augenzwinkernd heitere Liedlein mit Akkordeon-Untermalung vortrug oder als falscher Pastor Litaneinartiges zu Orgelsound zelebrierte, dann, ja dann zeigte sich "Ernst" von der heiteren Seite. Ironisch verfremdete Heimes das aktuelle Wahlplakat eines rheinland-pfälzischen Politikers durch einen einzigen Buchstaben: "Kropf - mehr als ein Gesicht!"

Hermann Driesch